Von der Passion am Unternehmen berichtet das Buch “Unternehmen statt unterlassen” der Autoren Christoph Glaser und Dominik Wessely. Es möchte anderen ein Beispiel geben und Lust zum Nachmachen wecken. Der Titel des Erlebnisberichts will keine leere Parole oder bloßes Schlagwort sein. Die Geschichte der Rettung der Kristallmanufaktur Theresienthal vermittelt vor allem eines: Es lohnt sich, etwas zu unternehmen, anstatt es zu unterlassen.
Im April 2001 meldete die Theresienthaler Kristallmanufaktur nach fast 600 Jahren Betriebsgeschichte Insolvenz an. Eines der weltweit besten und berühmtesten Unternehmen seiner Art verabschiedete sich vom Markt, so schien es zumindest. Heute wird in Theresienthal wieder Glas gemacht, der Ofen glüht wie in den 600 Jahren davor. 18 Langzeitarbeitslose, die meisten von ihnen in einem Alter, in dem andere an Rente denken, haben wieder dauerhaft Arbeit gefunden.
Die geglückte Wiederbelebung ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Rund sechzig Partner aus Politik, Wirtschaft und dem so genannten dritten Sektor haben unter der Leitung der Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung zur Rettung beigetragen. In Theresienthal haben sie gemeinsam ein Modell entwickelt, das zeigt, wie wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Probleme Deutschlands lösbar sind, wenn alle Beteiligten bereit sind, Teilinteressen einer gemeinsamen Idee unterzuordnen.
Im Sommer 2003 gab es in der Stiftung ein eindeutiges Votum, einen Neustart für Theresienthal zu wagen. Gleichzeitig war klar, dass die finanziellen und personellen Kapazitäten der Stiftung bei weitem nicht ausreichen. Der Insolvenzverwalter und die Agentur für Arbeit trugen entscheidend dazu bei, dass die Manufaktur noch einmal eine Chance bekommt. Das Projektziel der gemeinsamen Anstrengungen war es, dass Unternehmen am Ende des Sanierungsprozesses in die wirtschaftliche Selbständigkeit zu entlassen.
Als erster Partner stieg die Boston Consulting Group ein, die eine umfassende Marktanalyse und einen Geschäftsplan für die Kristallmanufaktur erarbeitete – zum Nulltarif. Die Ergebnisse waren alles andere als ermutigend. Im besten Fall hätte Theresienthal eine Chance, sich als Nischenanbieter zu positionieren. Es wurde klar, dass ein einzelner Investor, das Risiko von Millionenverlusten nicht auf sich nehmen würde. Diese Erkenntnis führte zum Modell der Public Private Partnerschaft, also die Zusammenarbeit von privaten und öffentlichen Trägern.
Die Hertie-Stiftung und die Deutsche-Bank-Stiftung waren vom Konzept des Projekts überzeugt und sagten entscheidende Beträge zu. Designer aus Hamburg destillierten aus 6000 Artikeln knapp 300, die im Handel angeboten werden sollten.
Am 1. Mai 2004 wurde der Neustart von Theresienthal verkündet. Das einzige, was noch fehlte, war Mr. Theresienthal, ein Unternehmer, der bereit wäre, die Kristallglasmanufaktur mit persönlichem Engagement und Risiko zurück in den Markt zu führen. Nachdem der passende Geschäftsführer gefunden war, ging es darum, sich auf eine Rechtsform für das Unternehmen festzulegen. Eine Stiftung sollte es sein. Am 22. Juli 2004 einigten sich die Vertreter der Kuehnheim-Stiftung und der Insolvenzverwalter über den Kaufpreis und die Zahlungsmodalitäten für das insolvente Unternehmen.
Am 19. August 2004 war es soweit: Nach 1208 Tagen Unterbrechung wurde in Theresienthal das erste Glas gemacht. Wie richtig die konsequente Ausrichtung als Luxusmarke war, zeigte sich auf der Glasmesse Ambiente 2005. Der New Yorker Interior-Design-Papst Moss und das Museum Of Modern Art kauften die neue Kollektion.
Mittels einer Stammkapitalerhöhung übernahm am 13. März 2006 ein neuer Geschäftführer die Mehrheit der Anteile am Unternehmen. Die Stiftung Theresienthal behielt aber in vier Punkten ein Mitspracherecht über wesentliche Unternehmensentscheidungen. Unter anderem erhält sie eine Dividende, die in weitere gemeinnützige Projektarbeit investiert werden kann. Ein in Deutschland bisher einmaliges Modell.
Im Projekt Theresienthal engagieren sich Menschen, deren Lebenswege sich jenseits der üblichen bewegen. Nicht Experten tragen in den Schlüsselpositionen die Verantwortung, sondern Generalisten. Kooperation als Chance für den gemeinsamen Erfolg – dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Projekt. Der Einzelne ist ohne die Zuarbeit der anderen hilflos. Die gesamte Unternehmung war von dem Motiv geprägt.
Fazit: Ein Mutmacherbuch, das am Kampf um den Erhalt einer uralten Glashütte zeigt, wie dem Verlust von Handlungsspielraum entgegengesteuert und wie die Zukunft in einer globalisierten Welt zurückerobert werden kann. Es ermuntert zur Nachahmung und gibt Handlungsanleitungen für den Alltag im Stillstandort Deutschland und zeigt, wie sich erstarrte Denk- und Handlungsmuster aufbrechen lassen. (hkl)
- Unternehmen statt Unterlassen
- Von der ungewöhnlichen Rettung eines Traditionsbetriebs
- Christoph Glaser & Dominik Wessely
- Econ Verlag
- Gebundene Ausgabe: 182 Seiten, Auflage 1: September 2006
- ISBN-10: 3-430-20005-9
- ISBN-13: 978-430-20005-9, 19,95 Euro





