Wenn deutsche Konzerne Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, fällt das Nörgeln leicht. Doch wer genau hinschaut, kann etwas lernen. Zum Beispiel, wie große Unternehmen Indiens Kostenvorteile und Talentreserven nutzen, um die Globalisierung zu meistern. Der Autor Oliver Müller nörgelt nicht, sondern schaut in seinem Buch „Wirtschaftsmacht Indien, Chance und Herausforderung für uns“, genauer hin.
Deutsche Konzerne verlagern ihre Forschung nach Indien. So hat Bosch die Zahl seiner Entwickler in Bangalore allein im Jahr 2005 von 1000 auf 3000 erhöht. In Bombay, Bangalore und Delhi arbeiten inzwischen über 5000 Siemens-Ingenieure an Software und Medizintechnik oder entwerfen Kraftwerke. Ein Viertel aller SAP-Entwickler arbeiten in Indien. Die Konzerne profitieren von gut ausgebildeten Spezialisten, die zu einem Bruchteil der Löhne arbeiten, die in Deutschland gezahlt werden. Heinrich von Pierer stellt für Siemens folgende Faustregel auf: „Für vier Arbeitsplätze, die wir in Indien schaffen, entsteht ein neuer in Deutschland.“
Indien hat nicht nur Standortvorteile. Drei Hürden bremsen die gesamte Wirtschaft: die schlechte Infrastruktur, bürokratischer Wildwuchs und ein absurd strenges Arbeitsrecht. Außerdem drohen Krisen im Energie-, Wasser-, und Umweltbereich. Bangalore, die Stadt, die früher den schmückenden Beinamen „Gartenstadt“ trug, ist dafür ein trauriges Beispiel: beißende blaue Abgasschwaden hüllen Asiens Silicon Valley in einen schmierigen Dunst, der die Lungen ätzt und klopfende Kopfschmerzen auslöst.
Dennoch rückt Indien in der Prioritätenliste deutscher Unternehmer deutlich nach oben, auch bei den Mittelständlern. Von einem niedrigen Niveau wird Indien für Deutschland zu einem wichtigeren Handelspartner. Vor allem der Hunger nach deutschen Maschinen stärkt den bilateralen Handel. Deutschlands Exporte nach Indien wachsen schneller als in jedes andere asiatische Land.
Auf dem Weg nach Indien müssen Investoren zwar beschwerliche Hürden überwinden, aber wer den Schritt dennoch wagt, ist hoch zufrieden. Eine Umfrage der Unternehmensberatung A.T. Kearney kommt zu dem Ergebnis, dass drei von vier aller in Indien tätigen Auslandsfirmen ihre Wachstums- und Gewinnziele erreichen oder sogar übertreffen.
Trotz einiger positiver Ansätze geht Oliver Müller davon aus, dass die meisten Unternehmen in Deutschland die Tragweite der indischen Herausforderung noch nicht erkannt haben und wagt folgende These: Deutschland spielt im Kampf um die beste Ausgangsposition für den Wettstreit von Wissensgesellschaften nur halbherzig mit, mit knauserigem Einsatz und ohne echten Willen zum Sieg.
Fazit: Ein spannender und lehrreicher Ratgeber für Manager und Mittelständler, die Indien als Markt und Wettbewerber differenziert einschätzen möchten. (hkl)
- Wirtschaftsmacht Indien
- Chance und Herausforderung für uns
- Oliver Müller
- Hanser Verlag
- Gebundene Ausgabe: 302 Seiten, Auflage 1: Oktober 2006
- ISBN-10: 3-446-40675-1, 19,90 Euro

