Leadership in Web-2.0-Zeiten

Joachim Graf, HighText, iBusiness frontalJoachim Graf ist Publisher, Medienexperte, Consultant und Zukunftsforscher. Wenn einer weiß, was aus Web 2.0 wird, dann er. Sein Verdacht: Die Führungsspitzen sehen zu – und machen dann das, was sie seit jeher wollen: einsam entscheiden.

Von Joachim Graf, Redaktion iBusiness

In so genannten flachen Hierarchien lebt die Kommunikationsstrategie von Cäsar, Hannibal und Nebukadnezar munter weiter. Ein Wechsel zu modernen, Web-2.0-affinen Entscheidungsstrukturen ist nicht nur für mittelständische Unternehmen mindestens so schwer wie die Einführung der Sparsamkeit bei politischen Beschlüssen.

Ich habe nie verstanden, warum sich Rekruten bei der Grundausbildung stundenlang in den Matsch schmeißen und wieder aufstehen müssen: „Damit sie lernen, zu gehorchen ohne herumzudiskutieren“, war die Antwort meines Vaters, seines Zeichens Berufsoffizier und Standortältester des Verteidigungskreiskommandos 513.

Meine Abneigung gegen das Totschießen einerseits und meine Befürwortung von Herumdiskutieren andererseits führte zu meinem Zivildienst einerseits und zu gewissen kommunikativen Problemen mit dem Standortältesten des VKK 513 andererseits. Und darüber hinaus zu einer tief verwurzelten Abneigung gegen hierarchische Organisationen. Die sich bis heute nicht wesentlich gelegt hat – vor allem, wenn man erfährt, wie beispielsweise in Großunternehmen Entscheidungen getroffen (oder: nicht getroffen) werden.

Nun lässt sich hierarchischen Organisationen zugutehalten, dass sie bei ihrer Einführung nötig waren. Wenn die Karthager beispielsweise gesagt haben: „Hey, lasst uns nach Rom marschieren und dort ein paar Patrizierköpfe abschlagen, ein bisschen plündern und vergewaltigen“, dann musste einer nicht nur die Idee mit den Alpen und mit den Elefanten haben.

Sondern der brauchte dann ein Dutzend Oberste, ein paar hundert Leutnants und ein paar tausend Unteroffiziere, die diese Ideen an die gemeinen Fußsoldaten transportierten. Damit die nicht darüber zu diskutieren anfangen, ob die Route über Sizilien nicht doch viel reizvoller sei oder ob man statt Elefanten nicht doch lieber Karibus nehmen solle, weil die weniger stinken.

Außerdem ist es wenig hilfreich, wenn beim Angriff auf den linken Flügel des Heeres die betroffenen Soldaten ausdiskutieren, ob denn jetzt ein strategischer Rückzug (A) einem entschlossenen Gegenangriff (B) vorzuziehen sei, ob man sich vielleicht lieber eingraben soll (C) oder am Ende nicht doch besser den Publikumsjoker zieht.

Verändert haben sich in den letzten Jahrtausenden allerdings die Geschwindigkeit der Kommunikation und die Harmonisierung von Kleinstgruppen: Gruppenarbeit, Flashmobs und punktuelle Warnstreiks, mobile Endgeräte und Ambient Intelligence sind ohne den fortwährenden Mega-Trend nicht denkbar, nach dem sich die Intelligenz immer weiter nach unten verlagert. Web 2.0 und Internet zeigen nur öffentlich, wie schnell dieser Trend voranschreitet und unser gesamtes Leben in den westlich geprägten Industriegesellschaften verändert. Flache Hierarchien sind eine Verbesserung gegenüber den Linienorganisationen des Dampfzeitalters. Aber längst nicht das Ende der Entwicklung. Gebremst wird diese Entwicklung vom Selbsterhaltungstrieb: Der Manager an sich lässt genau so wenig vom Managen abhalten wie der Bär vom Honig oder der deutsche Autofahrer vom Schnellfahren. Der Geschmack von Freiheit, Abenteuer und Entscheidungskompetenz ist so betörend, dass eventuell anfallende rationale Erwägungen obsolet sind.

Deswegen sind die (nur noch mit Firmenpolitik beschäftigten) Unternehmensspitzen in Web-2.0-Zeiten genau so zukunftssicher wie die kommunistische Partei Nordkoreas. Ist doch der Kommunismus deswegen ineffektiv, weil er Marktwissen durch zentralistische Strukturen aggregieren will – während sich in der Marktwirtschaft das Wissen durch Handeln auf der untersten Ebene autonom bildet. Die Unternehmensstrategie der Zukunft: Web 2.0 statt Militärlogik. Selbstverwaltung statt Kommunismus. (Joachim Graf, Redaktion iBusiness)

21 Kommentare:

  1. Ich weiss nicht. Dieser Mischmasch aus Anbiederung an das gemeine friedfertige Volk, pauschales Anprangern derer, die es in Hierarchien weiter nach oben geschafft haben als der Autor, und der modernen Kommunikationsmöglichkeiten, bringt uns nicht weiter.

    Natürlich unterstützt das Kommunikationszeitalter basisdemokratische Prozesse und das ist auch sehr zu begrüssen. Und natürlich gibt es Leute, denen das nicht passt.

    Aber wenn es um Leadership geht, sollten wir nicht (neue) Feindbilder produzieren, sondern uns selber zum Leader machen und als gutes Beispiel vorangehen und die (Business-)Welt verbessern.

    Da Herr Graf ja Consultant ist, kann er darin ja mit Hilfe seines Zukunftsforscher-Instinkts Führungskräfte coachen und so die beste Hebelwirkung erzielen. Vorher am besten aber nochmal bei anderen (siehe z.B. Der 8. Weg) auf den aktuellen Stand bringen lassen.

  2. Langt es als Nerd aus lange Haare zu tragen und sich auf die Verweigerung des Wehrdienstes zu beruhen, um qualifizierte Meta-Artikel zum Thema Web 2.0 zu verfassen? Nein, das tut es nicht.

  3. Ich interpretiere Ihren Artikel wie folgt: 1. Auf der einen Seite muss ein Management und die Führungsspitze klare Anweisungen geben, damit man überhaupt mal nach Rom kommt, unabhängig von den vielen Ideen, die eine ganze Truppe mitbringt.
    2. Auf der anderen Seite können Web 2.0 aktive Mitarbeiter gar nicht am Entscheidungsrad drehen, da das Management sowieso macht, was es will.

    Zum Punkt 1 kann ich nur sagen, dass das “Wir machen in Rom jetzt ordentlich Stress-Team” nicht einfach mal über Nacht eine Entscheidung fällt, wie man das am besten anstellt. Da wurden viele Pläne durchdacht und die Beteiligten haben bestimmt in manch einer Nacht sich alleine Gedanken gemacht, welcher Weg der beste sei.
    Hier hätte Web 2.0 den Vorteil, dass man mal viel schneller die Gedanken bündeln kann und schauen kann, welche Annahme am wahrscheinlichsten ist, wenn die Mehrzahl dafür ist und somit schonmal ein ganzer Batzen der Truppe hinter einem steht.

    Zu Punkt 2: Es mag unter uns einige Manager geben, die Mitarbeiter, die ja letztendlich das Web 2.0 mit Gedanken füllen sollen, für dumme Idioten halten und im Alleingang eine für sie “ach ja so klevere Entscheidung” durchdrücken. Von denen unter uns, die denken, dass sie alleine die Weisheit gepachtet haben, frage ich mich immer wieder: Warum stellen wir dann überhaupt Leute ein, wenn wir eine so niedrige Meinung von den eigenen Mitarbeitern haben? Da ist doch was Faul im Staate Unternehmen! Kein Wunder, dass gerade solche Manager im Alleingang Entscheidungen treffen, ohne sich fachkundigen Rat durch Web 2.0 einzuholen.

    Die Reserven liegen im Unternehmen selbst, ich begreife einfach nicht, warum mit so viel Stolz diese ignoriert werden.

    Anekdote: Ein Kollege hat neulich zu mir gesagt: Buchhalter sind doch sowieso nur alles Hauptschüler und müssen nur zwei Tasten bedienen können. Ich schäme mich für diese Aussage und begreife einfach nicht, woher so ein Unverständnis gegenüber den wichtigsten Leuten, den eigenen Mitarbeitern, im Unternehmen kommt!

  4. Wenn der Boss, der Projekt-bzw. Teamleiter pennt – können seine Leute auch mit Web 2.0 die Arbeit herrlich gegen die Wand fahren.

  5. Eine ermüdende, philosophische Auseinandersetzung mit dem Schriftzug Web 2.0

  6. Meiner Erfahrung nach fehlt es vielen Entwicklern an sprachlichen Fähigkeiten. Das sieht man nicht nur an dem obigen Artikel, sondern auch an vielen bisherigen Kommentaren. Als Entwickler glaubt man bisweilen zurecht, persönliche Fähigkeiten mit Tools unterstützen oder ersetzen zu können. Dabei bilden sich schnell Berge von unverständlichen und irreführenden Informationen.

    Wenn Sie, lieber Herr Graf, und Sie, liebe Leserinnen und Leser, Entscheidungen aus dem Management nicht nachvollziehen können, z.B. gegen Web 2.0, dann seien Sie auch beim Schreiben einer Kolumne bitte nicht respektlos. Schließlich machen Sie sonst Unverständnis zum Argument und tun das, was Sie Ihren Vorgesetzten vorwerfen.

  7. Hm, das ist aber nicht unser (Unternehmensbereich) Eindruck. Wir sind ziemlich am Anschlag, stellen und arbeiten soviele Leute ein, wie wir neben den laufenden Projekten noch gerade so hinbekommen und machen nichts anderes als “Web 2.0″ (ASP.NET/C#/AJAX etc.) für Unternehmenskunden, wo genau die erwähnten Führungskräfte sehr positiv der neuen Technologie gegenüber eingestellt sind. Und das zeigt sich empirisch an der Menge der Beauftragung. Weil wir Business Intelligence Systeme realisieren, verfügen wir über einen Zugang zu einer gewissen Grundgesamtheit aus der untersuchten Zielgruppe.

  8. Na, das Problem ist doch, dass in “flachen Hierarchien” niemand die Verantwortung übernimmt. Irgendjemand muss sagen, “Wir machen das jetzt so”, dass man vorher diskutieren und den Sachverstand der Leute nutzen sollte, ist vollkommen richtig und wird zu wenig praktiziert. Dennoch muss es einen oder mehrere geben, die erstens den Überblick haben und zweitens die Verantwortung übernehmen.

  9. Hallo Herr Graf, hallo geehrter Leser,

    auch wenn ich den Ansatz flache Hierarchie, “Selbstverwaltung statt Kommunismus” gut finde und diesbezüglich ganz der Meinung von Hr. Graf bin, fehlt mir in dem Artikel die Gegendarstellung.

    “Der Manager an sich lässt genau so wenig vom Managen abhalten wie der Bär vom Honig oder der deutsche Autofahrer vom Schnellfahren” ist mir persönlich etwas dünn!

    Hierarchie durch Verantwortung
    ——————————

    So gehen sie gar nicht auf die Verantwortung der Entscheidungsträger ein.

    Was macht der Vorstandsvorsitzende einer großen Automarke wenn sein neues Web 2.0 designte und mit tollen Inovationen gespickte Auto trotz aller Umfragen ein Flop wird?

    Diskutieren die Eltern einer sechsköpfigen Familie mit Ihren Kindern aus, wann die Kinder ins Bett gehen sollen?

    Hierarchie durch Verantwortung ist demnach, meiner Meinung nach, unumgänglich.

    Denn nach allen Informationen, egal ob durch Fachkräfte, Internet-User oder Zukunftsforscher, die “Führungskräfte” müssen Ihre Entscheidungen verantworten.

  10. Also der text enthält gar nicht so viel Polemik wie man annehmen möchte.
    Herr Graf hat es so anschaulich dargestellt, dass es eigentlich jedem möglich sein sollte ihn zu verstehen.
    Durch verbesserte Möglichkeiten zur Kommunikation und das stehen auf einer Ebene wird der Austausch von Wissen, Idee und Information verbessert was sich auch super aufs Ergebniss(Fortschritt egal in welcher Hinsicht) auswirkt.

  11. Schöner Artikel,

    aber leider fehlt es Managern in vielen Mittelständlern einfach an Mut, etwas zu ändern. In Deutschland wird halt bestraft, wer aus der Reihe tanzt.

    Markus Meinung kann ich mich nicht anschließen, er sollte Bedenken, dass es neben dem Buzz eine ganze Reihe an Möglichkeiten gibt, diese neuen services sinnvoll in der Geschäftswelt einzusetzen. Achso, natürlich nicht, wenn man sein Biznes nach den vorgegebenen SAP Prozessen designed :)

  12. Beifall, Herr Graf. Sehr polemisch, aber kein schlechter Ansatz.

  13. Hallo Herr Graf,
    Ich verstehe Sie leider nicht. Bin ich zu dumm oder formulieren Sie zu kompliziert?
    Mit freundlichen Grüßen,
    Michael Nickles

  14. Also wirklich, sehr viel schlechte Polemik, viel metaphorisches BlaBla. Und was ist jetzt die Quintessenz des Artikels?

    Ich jedenfalls führe ein Team von 14 Personen und greife herzlich gerne auf die Möglichkeiten zurück die mir Web 2.0 bietet. Und zwar mal ganz konkret:

    Meine Leute können unabhängig von mir kreativ sein und in Ihren Communities testen ob ihre Ideen ziehen. Und meine Kommunikation über Blogs und Wikis erlaubt es ihnen, das wichtige vom eher informativen zu trennen.

    Management a la Web 2.0!

  15. Wunderbar! Nebukadnezar, das “VKK 513″ und “der deutsche Autofahrer”. Mir ist jetzt alles klar.

  16. Hallo Michael,
    niemand hindert Sie daran, den Beitrag zu bewerten.
    Oder muss es unbedingt was zum Klicken sein? TJ

  17. Schade, dass es hier kein Ranking für Artikel gibt… Das wäre mal echt Web 2.0.

  18. Ich habe selten so viel Schwachsinn 2.0 in einem Artikel 2.0 gelesen. Werden Sie nach Anzahl der Buzzwords 2.0 bezahlt ?

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