Michael Lang begann das Berufsleben bei einer Bank, ging dann in den ITK-Journalismus und blickt heute auf zwei eigene Unternehmensgründungen zurück. Für den MittelstandsBlog sichtet er Tag für Tag stapelweise Wirtschaftsmeldungen, die über seinen Schreibtisch wandern, und wählt gezielt die Informationen aus, die für den Mittelstand wichtig sind. Er hat genau beobachtet, wie geschwätzige Schlaumeier die Tatsachen der US-Banken- und Börsenkrise harmlos reden wollen. Jetzt ist ihm der Kragen geplatzt. Michael Lang meint: „Lasst uns Tacheles reden!“
Lasst uns Tacheles reden!
In jeder zweiten Wirtschaftsmeldung lese ich seit Monaten von den „Turbulenzen“ des Finanzmarkts. Turbulenzen – das klingt nach Sturm im Wasserglas. Turbulenzen sind unkontrollierte Strudel in Flüssigkeiten oder Gasen – unangenehm, aber nicht wirklich gefährlich, denn am Ende beruhigen sie sich und alles ist wie immer.
Dieses Verharmlosen durch verniedlichende Formulierungen ist wirklich gefährlich, denn es verhindert rechtzeitiges, beherztes Anpacken von Lösungen! Für Unternehmer aber sollte das Handeln an erster Stelle stehen. Das war, ist und wird auch in Zukunft die besondere Stärke des Mittelstands sein.
Vergessen wir deshalb die „Turbulenzen“! Wovon wir in letzter Zeit tatsächlich reden und worunter wir leiden, das sind böse Pleiten und fahrlässige Fehler der Banken. Ihnen, die uns immer sagen, was wir alles falsch machen, ist nun der Balken aus dem eigenen Auge auf den Fuß gekracht. Fakt ist: Sie, die über unsere Produkte und Märkte nur allzu oft besser Bescheid wissen wollen als wir, kennen in Wirklichkeit ihre eigenen Produkte nicht und haben ihren eigenen Markt nicht im Griff.
Zum Lachen ist uns trotz dieser traurigen Posse nicht, denn wir, die Bankkunden dürfen den Schaden auch noch bezahlen.
In einer der letzten „Hart aber fair“-Talkrunden mit Frank Plasberg versuchten die versammelten Experten, darunter der ehemalige Chef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, und Ex-Finanzminister Hans Eichel in rührender Einmütigkeit die verlorenen Milliarden zu „virtuellen Buchgeldern“ klein zu reden. Das sei ja kein wirkliches Geld, das da verloren gehe. Stimmt sogar. Im ersten Schritt ist es lediglich Buchgeld aus Spekulationen, das nun wieder verdampft.
Ein großer Teil davon wurde aber von den Spekulanten mit Beginn der Krise blitzschnell den Börsen entzogen und in reales Geld und Gold umgewandelt. Sobald nun der Staat Geld einschießt, um die Börsen und Banken zu stabilisieren, wird deshalb ein beträchtlicher Teil des Buchgelds durch Geld aus Steuern dauerhaft substituiert. Und dieses Geld ist echtes Geld, hart erarbeitetes Geld, sauer verdient mit realen Gütern und Dienstleistungen.
Bei solchen Gelegenheiten versuche ich mir immer vorzustellen, was Herr Ackermann wohl sagen würde, wenn auf seinem nächsten Provisionszettel hinter dem Eurozeichen stünde: „Buchgeld, bitte keinesfalls auszahlen lassen“.
Lasst also wenigstens uns Mittelständler endlich Tacheles reden! Sonst machen wir es den Pleitiers nur allzu leicht, sich klammheimlich aus der Misere zu stehlen und bei nächstbester Gelegenheit erneut zuzuschlagen. Außerdem raubt solches Schönreden der Wirtschaft die Glaubwürdigkeit. Mit verheerenden Folgen, denn nichts ist für die Menschen schlimmer, als das Gefühl für dumm verkauft zu werden. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …“ – na ja, Sie kennen diesen Spruch ebenso gut wie ich. Ich bin mir jedenfalls sicher: Wenn der Verfall der Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit unserer freien Wirtschaft so weitergeht, erleben wir die Wiedergeburt von Marx und Engels schneller, als uns allen lieb sein kann.
Ihr
Michael Lang



Im Wesentlichen treffen Herr Lang und mein Vor-Kommentator genau den Kern – Verantwortungslosigkeit der Politik durch und zugunsten von Inkompetenz und Gier. Wer soll in Märkte regulatorisch eingreifen? Der Politiker, der seine Amtszeit nutzt, um Bewerbungen für die Zeit danach an Finanz- oder Energiekonzerne zu schreiben, die ihm während seiner Amtszeit die Gesetzesentwürfe vordenken? Ein paar schwarze Schafe in der Wirtschaft, ein paar blinde im Finanzgeschäft, kommen dazu. Aber die gab es wohl schon immer und sie waren schon immer durch die Masse zu verkraften.
Was Oskar Lafontaine offen als Parole vors Parteitor hängt, sieht man leider auch als versteckte, (noch) nicht ausgesprochene Botschaft in den Entwicklungen von SPD und CDU.
Sicher haben auch Bürger, auch als Arbeitnehmer, am Zerfall gesellschaftlicher Moral und Wirtschafts- und Verwaltungsethik keinen unerheblichen Anteil.
Wer war in dem Gefüge, das wir seit 1945 kennen, zuerst da, wenn wir auf die letzten dreißig Jahre Verlauf der Wirtschaft und Politik zurückblicken? Der Bürger, der mit
immer neuen Forderungen den Arbeitgeber ausbeuten wollte oder der Arbeitgeber, der den Mitarbeiter, möglichst ohne Gegenleistung, zum Arbeiten schamlos mißbraucht?
Tatsache ist, dass wir selbst in der derzeitigen Arbeitsmarktsituation kopfschüttelnd die spärlichen Bewerbungen betrachten. Genau so, wir wir staunend den zunehmend durch staatliche Anorderungen steigenden Verwaltungsaufwand bewältigen müssen.
Neben globaler Finanz- und Wirtschaftskrise stellt sich dabei für mich immer drängender die Frage, ob die EU-Wirtschaft Deutschland in die jetzige Situation gebracht hat, oder ob die letzte und die jetzige deutsche Regierung Deutschland und die EU herunter gerissen hat.
M. E. könnten wir wesentlich besser dastehen. Aber offensichtlich sind Bildung und Intellekt kein Garant für Weisheit und Weitblick.
Am Rande sei zum Thema Ethik und Moral die Gallup-Studie erwähnt. Die Gallup-Studie bewertet das Empfinden der Bevölkerungen einzelner Nationen über Korruption in ihrem Land. Danach lag Afghanistan, in dem wir derzeit helfen, Recht und Gesetz zu implementieren, weit – sehr weit, vor dem demokratischen Rechtsstaat Deutschland.
Alfred Kohlmann
Völlig richtig Herr Lang, bis auf den letzten Absatz. Die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ist schon verfallen. Und das sozialistische Gedankengut hat sich in Form der Partei “Die Linke” bereits manifestiert, denn diese Genossen sehen in der Kriese ihre Chance. Ähnlich wie Kirche/Religion erhält diese politische und gesellschaftliche Haltung in schlechten Zeiten Zulauf.
Schuld an dieser Entwicklung sind alle. Banker, Manager, Politiker und auch die Bürger. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen. Wer da den Anfang gemacht hat lässt sich im Nachhinein nur mehr schwer feststellen. Banken, die Unternehmen in absurde Renditeschlachten scheuchen, Manager, die aufgrund ihrer Entlohnung auf Optionsbasis und dem Verlustrisiko des Postens durch Übernahmen primär den Aktienkurs beobachten, Politiker, die so mit parteiinternen Machtspielen beschäftigt sind, dass sie für die profane Tagespolitik nur noch wenig Zeit haben, und der Bürger, der glaubt er habe einen natürlichen Anspruch auf Urlaub, Konsumgüter und ein sorgenfreies Leben, tragen ALLE ihren Teil zum Problem bei. Jeder in den genannten Gruppen handelt für sich betrachtet logisch, sinnvoll und zu seinem Nutzen.
Nur leider stellt man dann schnell fest, dass kaum noch jemand sich wirklich um seine eigentliche Aufgabe kümmert. Politiker kümmern sich mehr um Parteipolitik als um das Land, Manager um den Aktienkurs anstatt die Produkte und die Mitarbeiter und die Bürger mehr um Freizeit und Unterhaltung als um Aus- und Fortbildung, Arbeit und die eigene Gegenwart und Zukunft.
Alles zusammen ist es für mich eine große Verantwortungslosigkeit auf allen Ebenen. Politiker stimmen über Gesetze ab, die sie weder gelesen noch verstanden haben, bei Wahlen sind alle irgendwie Gewinner (und deshalb auch niemand für eine Niederlage verantwortlich). Vorstände, die sich gerne als Unternehmer sehen und damit ihre hohen Gehälter rechtfertigen, treiben (oder lassen treiben) Unternehmen in den Ruin und erhalten einen goldenen Handschlag, und der Bürger möchte für jedes Lebensrisiko den Staat eine Vorsorge treffen lassen. Das Übernehmen der Verantwortung für das eigene Handeln und damit einhergehend auch das Tragen des Risikos ist bei einem Großteil der o.g. Personen völlig verloren gegangen.
Sicher ist das oben geschriebenen stark vereinfacht und klischeehaft, ist aber deshalb in der Übersicht nicht weniger wahr.