Von Joachim Graf, Redaktion iBusiness
Abgesänge auf bezahlte Inhalte habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder gehört. Dabei wird es auch in Zukunft immer bezahlten Inhalt geben. Auch wenn das manche Veranstalter von Internet-Kongressen sowie Evangelisten nutzergenerierter Inhalte – so genannte UGC-Prediger – nicht wahrhaben wollen.
Die Anfrage war eigentlich wie immer: Ob ich denn nicht Lust hätte, einen Vortrag auf einem von dem anfragenden Unternehmen organisierten Fachkongress zu halten. Eine halbe Stunde oder so. Und möglichst tief gehend und analytisch – Zielgruppe wären immerhin Entscheider.
Ob ich denn das Thema „Paid Content“ aktuell aufbereiten könnte. Und nein, zahlen könnte man mir leider nichts, der Kongress wäre neu am Markt und – leider, leider – knapp kalkuliert. Aber ich hätte ja den Werbeeffekt. Aber am Mittagessen könne ich natürlich gerne teilnehmen.
Ich weiß nicht, was ich mehr bewundert habe. Die Chuzpe, eine Paid-Content-Veranstaltung mit Hilfe von Gratiscontent in Form von Präsentationen durchzuführen. Oder die Gelassenheit, mit der mir erklärt wurde, dass Gratispräsentationen doch ohnehin alle machen würden, organisieren würden, anbieten würden.
Wenn ein Agenturchef eine Gratispräsentation hält, dann will er letztlich seine Projektdienstleistungen verkaufen. Wenn Steve Jobs oder Steve Ballmer Präsentationen halten, dann möchten sie Hard- respektive Software verkaufen. Wenn ein Contentlieferant seinen Content verschenkt (und eine Präsentation ist nichts anderes als Content), dann kann er gar nichts mehr verkaufen (es sei denn, seine Fähigkeit als Entertainer, Grüßaugust oder Pausenclown). Wer will, dass jemand kostenlos präsentiert, der sagt nur eines: dass diese Präsentation nichts wert ist.
Nicht viel anders sind diejenigen, die mich zwar für eine Präsentation oder Keynote bezahlen, aber hinterher am besten alles kostenlos auf YouTube stellen wollen – so als würde die Präsentation nach dem Abhalten quasi verbraucht sein und nur noch Recycling-Wert besitzen. Der Markt für Konferenzpräsentation und der Markt für Paid Content im Allgemeinen sind sich offenbar ziemlich ähnlich, beide folgen denselben Gesetzmäßigkeiten:
- Wer für Inhalte Geld verlangen will (Referent; Online-Publisher), muss exklusiven Content anbieten, der mit massenhaft Gratiscontent (Werbevorträgen; nutzergenerierten Inhalten) konkurriert. Diese Inhalte müssen also einen signifikant höheren Nutzwert für den Rezipienten (Kongressteilnehmer; Internet-Nutzer) bieten.
- Paid Content ist also nur in Highend-Märkten überhaupt realisierbar. Wo die Nutzer den Unterschied zwischen normalem und Highend-Content nicht verstehen oder nicht goutieren, ist der Verkauf von Inhalten unmöglich (Fachpublikum/General-Interest-Publikum).
- Wer für Content kein Geld ausgeben will (Kongressveranstalter; Internet-Nutzer), muss Werbung in Kauf nehmen.
- Je rarer das Zeitbudget der Endzielgruppe und je höher der Preis für den reinen Access auf den Inhalt (Kongressgebühr; Paid Content), um so weniger ist die Endzielgruppe bereit, werbefinanzierte Inhalte zu akzeptieren.
Exklusivität hat auch bei Inhalten ihren Preis. Umgekehrt bedingt ein Preis eine gewisse Exklusivität. Das wussten Sie und ich ja schon immer. Aber doch schön, wenn der Reality Check dies mal wieder bestätigt hat.
iBusiness-Herausgeber Joachim Graf hält gerne Vorträge und arbeitet gerne für sein Mittagessen. Aber „Appel und Ei“ möchte er schon ausschließlich im kulinarischen Zusammenhang sehen. Nicht bei der Honorierung.







Paid Content – das war mal etwas, wovon ehrliche Journalisten mit ehrlichen Texten leben konnten. Dann kamen die Agenturen, die über kostenlose Beiträge erst ungeschickt und dann teilweise hochprofessionell Messages und Marken mit diesen Beiträgen transportierten. Die Beiträge gab und gibt es meist kostenlos, und die Arbeit bezahlt der Auftraggeber in Form von PR-Beraterhonoraren.
Für die Zeitungen und Redaktionen sind diese Texte kostenlos – wie schön. Inzwischen sind viele der “ehrlichen Journalisten” auch PR-Berater geworden, um wenigstens noch etwas Geld für unehrliche Texte zu bekommen. Und damit man das Schreiben ehrlicher Texte nicht verlernt, hat dann irgendeiner mal mit diesen Blogs angefangen – kostenlos natürlich. Schöne neue Medienwelt.
Haben Sie für diesen Allerwelts-Trivial-Content (Punkte 1.4.) ebenfalls Honorar bekommen? Dafür würde ich auch nichts bezahlen wollen.
Wurde auf der CeBit unter dem Thema Breitband diskutiert: Ein Internet, das als Vertriebsplattform für kostenpflichtigen Content genutz wird, wobei Abgaben an den Provider anfallen, um die Netzinfrastruktur ausbauen (z.B. deutschlandweit Breitband) und anbieten zu können.
Das fand ich schon sehr beängstigend, bezahle ich doch schon das Volumen (auch mit einer Flatrate bezahlt man das Volumen!). Jetzt soll ich auch noch die “Geschmacksrichtung” bezahlen?
Tatsächlich wurde da behauptet, man würde das Internet umsonst bekommen! Stimmt ja gar nicht. Ich zahle für Zugang und Flat bei der Telekom heute 70 Euro pro Monat (140 DM). Wenn da nix für den Netzausbau überbleibt, sollte man vielleicht bei den Managergehältern und Dividenden etwas tunen!
Warum denn bitte keine Pool aus Gema/GEZ-Einnahmen, mit dem der Breitbandausbau gefördert wird?
Für “Premium” -Inhalte zahlt man sicher mal was, aber warum soll Ebay, Amazon und Co. dem Provider was abgeben? Die Zahlen doch auch Ihre Anbindungen?
Naja, wer eine Reputation hat, braucht ja keine mehr aufzubauen. Insofern ist es schon verständlich, wenn Leute mit Vorträgen für Ihr Consulting, Buch, Blog, Start-up werben. Das muss dann natürlich ein Anreißen der zu verkaufenden Inhalte sein. Wer sich einfach so hinschenkt, ohne Gedanken dahinter, scheint eben einen reichen Mann, reiche Eltern oder schlicht einen generösen Geldgeber zu haben. Es gibt ja sogar Blogger in Amerika, die sich als unabhängige Instanz verstehen und auf Kongressen und Messen als Journalisten getarnt rumtoben und dann aber jeden Monat schlicht das Geld von ein und demselben Unternehmen bekommen …
Aber: Auch sehr gute Institutionen wie Institute und Think Tanks zahlen selten mehr als Hotel, den Flug und ein fürstliches Mahl mit der PR-Assistentin oder gar einem Vorstand. Da habe ich nichts dagegen, weil die Diskussionen nachher immer sehr lehrreich sind und man oft in Person der Sponsoren und Mäzene sehr interessante Leute kennen lernt …
Ich würde also für eine Strategie der Toleranz plädieren.
Ciao
Jörg W.
Kostenlos und ohne offensichtliche Produktwerbung referieren übrigens auch Leute, die für sich selber werben wollen (z.B. ihren Preis auf dem Arbeitsmarkt erhöhen möchten). Obwohl, dass ist ja auch wieder Werbung ;-).
Wahre Worte, Joachim. Leider ist den Menschen Content immer weniger Wert. Sie sehen darin ein Produkt, sie sehen die Wörter, Zeichen, Buchstaben, Anschläge, Minuten – alles mögliche. Nur keinen Inhalt, der sein Geld wert ist.