Wann wir Interaktiv-Experten zu schnell sind

Joachim Graf, Verleger und Zukunftsforscher

Joachim Graf, Verleger und Zukunftsforscher

Von Joachim Graf, Redaktion iBusiness

Was mit denen passiert, die zu spät kommen, das wissen wir bereits seit Michail Gorbatschow. Interessanter (schon aus Egoismus) ist für mich allerdings das Schicksal der Sorte Mensch, zu der Sie und ich gehören.

Es ist mir nicht zum ersten Mal passiert. Aber als ich da auf der Bühne stand und die Fragen beantwortete, die mir vom Publikum entgegengeschleudert wurden, da wusste ich: Du warst wieder mal zu schnell.

Ich hatte vor einigen hundert Leuten gesprochen über Web 3.0. Über die Zukunft des Marketings und des E-Commerce nach der Zeit des Web 2.0. Doch meine Zuschauer wollten eigentlich etwas ganz anderes wissen: Ob denn das mit den Kommentaren unter Produkten wirklich künftig wichtig wird. Warum Kunden Produkte bewerten sollen. Was man denn unter „1:1-Marketing“ versteht. Ob das Unternehmen jetzt ein Corporate Blog aufsetzen soll. Kurz: Ich hatte gedacht, die vor mir sitzenden Online-Verantwortlichen wollten etwas über den Weg ins Web 3.0 lernen. Tatsächlich standen sie mit beiden Beinen fest im Web 1.0 und blickten angstvoll auf ihre Zehen, die sie nun ins kalte Web-2.0-Wasser stecken sollten.

Obwohl ich jetzt seit bald zwei Jahrzehnten im Interaktiv-Business unterwegs bin, falle ich immer noch und immer wieder darauf herein. Ich überschätze schlicht die Geschwindigkeit, mit der sich die Entwicklungen im Internet vorwärts bewegen. Das liegt zum einen daran, dass unsere Gesellschaft inzwischen zu einer Gesellschaft der unterschiedlichen Zukünfte und unterschiedlichen Geschwindigkeiten geworden ist (über dieses Thema habe ich mich ja an dieser Stelle vor einiger Zeit schon ausgelassen). Zum anderen liegt es schlicht daran, dass sich mediale, also kommunikative, also gesellschaftliche Entwicklungen zwar unaufhaltsam, aber für gewöhnlich extrem langsam vollziehen. In meinen Vorträgen verwende ich immer das Bild eines Gletschers: Man muss immer wieder in Abständen draufsehen, um eine Veränderung wahrnehmen zu können.

Joachim, du solltest das Bild in seiner ganzen Dimension verinnerlichen. Gletscher bewegen sich nicht nur langsam, sie bewegen sich auch langsam.

Während unsereiner darüber nachdenkt, wie das ist mit Mass Customization und 3D-Welten, mit virtuellen Produkten, den Web-2.0-Betriebssystemen und der Zukunft der Aggregatoren, freut sich die Mehrheit der Interaktiv-Entscheider über Communities und Kommentarfunktionen. Während die Unternehmen überlegen, ob sie vielleicht doch über ein Corporate Blog nachdenken sollen, während zwei Drittel der Internet-Benutzer nicht so genau weiß, was Web 2.0 überhaupt ist, während ein Viertel der Bundesbürger keinen Internet-Zugang hat und es immer noch Menschen und Unternehmen gibt, bei denen die Entscheidung ansteht, sich jetzt doch einen Computer zu kaufen.

Tatsächlich habe ich erst letzte Woche mit jemand gesprochen, der das obsoleteste Produkt der Informationsgesellschaft produziert: Die Loseblattsammlung.

Und er lebt davon nicht schlecht. Über die temporäre Dimension des Wörtchens „noch“ haben wir uns dann einen Nachmittag lang trefflich unterhalten.

Manchmal, da bewegen sich Gletscher auf einmal auch ganz schnell. Wenn sie Eisberge kalben, zum Beispiel. Oder sie eine Klimakatastrophe zum Verschwinden bringt. Dann muss man wissen, was man tut. Sonst überrollt einen die Entwicklung. Die Musikindustrie hat das am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen. Deswegen braucht es beides: Die Strategie und die Taktik. Das Operative und das Visionäre. Man sollte beides nur nie verwechseln.

4 Kommentare:

  1. Um es mit McDonald’s zu sagen:

    “WAS will uns diese Werbung sagen?!”

  2. Also ein Web der “unterschiedlichen Geschwindigkeiten”. Das ist so ähnlich wie bei der europäischen Integration, nur anders, weil bei der Entwicklung des Webs alle mitmachen dürfen, die Stimme eines Jeden potentielles Gewicht hat und deshalb der Prozess demokratisch abläuft.

    Ich möchte behaupten, dass der Begriff Web2.0 mittlerweile allgemein anerkannt definiert ist:
    http://www.oreilly.de/artikel/web20.html

    Was unter Web 3.0 verstanden werden soll, darüber gibt es unterschiedlichste Meinungen. Das heißt, selbst der “normale” Bürger kann jederzeit mit seinen eigenen Ideen noch an der Definition schrauben.

    Unterschiedliche Definitionen finden Sie beispielsweise unter den nachfolgenden URLs:
    http://www.distinguish.de/index.php/web-20
    beziehungsweise Simple Compare & Contrast of Web 1.0, 2.0, and 3.0 (Update 1): http://www.openlinksw.com/blog/~kidehen/

  3. Die Kernthese mag richtig sein – die Formulierung ist eckelhaft egozentriert. Oder anders formuliert: Schade um die Botschaft – wenn man sie in Selbstverliebtheit einwickelt, fasst sie der Empfänger nicht an.

  4. Vielleicht liegt ein Teil des Unverständnisses des Internets ja auch daran, dass Leute die etwas auf sich halten gerne neue Begriffe dafür erfinden. Web 2.0 ist so ein Beispiel – natürlich weiß niemand der “normalen” Bürger was das eigentlich ist, und dann noch Verständnis für einen Nachfolger zu erwarten halte ich für sehr optimistisch.

    Meiner Erfahrung nach herrscht bei “normalen”, nicht Internet-Abhängigen das Wissen vor, dass in so pseudo-Wissens-Sendungen wie zB Galileo verbreitet wird – Es handelt sich also um gelerntes Wissen, nicht um eigene Erfahrungen. Ein weiterer Grund weshalb zwar viele Leute glauben mitreden zu können, aber eigentlich nicht verstanden haben wie es funktioniert. Wenn Sie dann für einen Vortrag Verständnis vorraussetzen, haben Sie schon verloren ;)

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