Apple. Oder der Segen der Religion.

Joachim Graf, Verleger und Zukunftsforscher

Joachim Graf, Verleger und Zukunftsforscher

Von Joachim Graf, Redaktion iBusiness

Im Umgang mit den Produkten der Firma Apple Inc. gibt es nur zwei Zustände: Man verfällt in religiöse Verzückung oder ist genervt über das Bohei ihrer Benutzer. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Muss aber eingestehen, dass die öbstlichen Produkte auch ihr Gutes haben.

Wenn ich – was gelegentlich vorkommt – eine Keynote halte über virale Konzepte oder über Web 3.0, dann komme ich für gewöhnlich auf das Thema „Evangelisierung“ zu sprechen. In diesem Zusammenhang erzähle ich für gewöhnlich, wie sehr ich die Firma Apple bewundere:

„Sie machen schlechte Produkte und ihre Kunden lieben sie dafür. Das ist Marketing, wie es sein muss“, ist dabei meine Standardformulierung. Das löst im Regelfall zwei Dinge aus: Zum einen habe ich sofort die Lacher auf meiner Seite. Zum anderen will mich in der nachfolgenden Kaffeepause ein Apple-Konsument davon überzeugen, dass der Begriff „schlechtes Produkt“ für Apple nicht zutrifft. Und er demonstriert es anhand seines iPhones. Oder seines iPods. Oder seines MacBooks. Oder aller drei.

Ich ertappe mich dabei, dass es mich nervt, wenn ich Bekehrungsversuchen ausgesetzt bin. Ohnehin: Ich liebe es, selber zu denken, weswegen ich für Götter gleich welcher Provenienz verloren bin. Die Zeugen Jehovas der Mobil- und IT-Szene (die Apple-Nutzer), sind wie ihre klerikalen Brüder und Schwestern vor allem in der Mehrheit nur eines: lästig. So ist es nur meinem eingebauten Widerspruchsgeist geschuldet, dass ich (wie jüngst beim Münchener Webmontag) Probleme, die ein Vortragender beim Anschluss seines MacBooks an einen Beamer hat, mit der trockenen Bemerkung „hätte er halt ein Windows-Notebook benutzt“, die Lacher einsammle – wohl wissend, dass Windows-PCs selbstredend nicht stabiler funktionieren.

Ich weiß durchaus die technischen Vorteile eines Opera-Browsers zu würdigen. Ebenso eines Linux-Desktops, von Open Office, des Mac OS, von LG-Unterhaltungselektronik oder von handgemachten Meyer-Schuhen. Ich benutze bloß die ganzen Produkte nicht, weil sie mir wahlweise zu teuer sind. Oder weil es mir zu kompliziert ist, meine Nutzungsgewohnheiten umzustellen.

Allerdings beobachte ich, dass gerade das iPhone eine durchaus segensreiche Rolle spielt, was die Verbreitung etablierter multimedialer Techniken angeht. Nehmen wir beispielsweise das Thema „Internet-Nutzung über Mobiltelefone“. Alle Studien, die ich bisher gelesen habe, schlussfolgern, dass es die Opferbereitschaft der iPhone-Jünger auf den Finanzaltären der Mobilgesellschaften ist, die die Mobilnutzung des Internets nach vorne bringt. Und mit ihr die Zahl der auf Mobiltelefonen nutzbaren Web-Angebote.

Weil zudem viele Web-Entwickler der Obstreligion angehören, entstehen für das iPhone zudem auch viele Widgets und Programme. Deutlich fünfstellig ist die Zahl der iPhone-Anwendungen mittlerweile. So liest man in diversen Social Networks inzwischen von immer mehr Kontakten die religiöse Erweckungsstatuszeile, sie hätten das Licht gesehen (sprich: sie würden das Social Network künftig nur noch per iPhone nutzen). Von Nutzern gleich guter Handys liest man so etwas nie.

Ich habe allerdings beschlossen, Missionierungsbestrebungen künftig langmütiger als bisher zu begegnen – zumindest, solange die Evangelisten Heiden wie Sie oder mich einigermaßen tolerieren. Auslöser war ein Bericht, den ich las. Der belegt, dass Religionen und religiöse Symbole historisch nötig sind für die Staatsbildung und damit für die Zivilisation. Übersetzt für das 21. Jahrhundert: Wer Digital Citizen sein will, braucht wohl iPhone-Jünger.

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