So kann man nicht mit der Krise reden

Äinschi Jacobsen, die dem Harry sein Stefan ist“ von

Äinschi Jacobsen, die dem Harry sein Stefan ist

Von Angela alias Äinschi Jacobsen

Letztens sitz’ ich so gemütlich daheim vorm Fernseher und lasse mir von Schuldenberater Peter Zwegat aus Berlin zeigen, wie er in der Rezession RTLs Gnadensonne auf insolvente Unternehmer herabscheinen lässt, da klingelt’s an der Tür. Ich wundere mich, wer denn so unangekündigt einfach abends bei mir reinschauen möchte – öffne aber neugierig wie immer – und … – da steht SIE da: die Krise.

Bis ich mich groß artikulieren kann, kommt sie rein, setzt sich neben mich aufs Sofa und lacht mich frech an. Aha, denk ich mir, jetzt ist sie da, die Krise. „Herzlich willkommen“, sag ich in ihre Richtung, greif’ zum Telefon und ruf Harry an: „Du Harry,“ sag ich, „die Krise ist da.“

Jetzt muss ich natürlich kurz ausholen, da der eine oder andere Stammleser den Namen Harry als neue Komponente in meinem Alltag identifizieren wird. Gerne greife ich für meine Leser aber in die intimsten Ecken meines Privatlebens und werde Licht ins Dunkel bringen. Harry ist, genau wie ich, eine bodenständige Mitvierzigerin, die allerdings festgestellt hat, dass sie viel lieber Detektiv oder Polizistin geworden wäre. Ich gestehe, dass es mir da genauso geht und da wir beide große Derrick-Fans sind, nannten wir uns spaßeshalber eine zeitlang einfach „Harry und Stefan“ – ahnten wir ja beide nicht, dass diese Namen an uns kleben würden wie amerikanischer Kaugummi auf dem warmen Teer der Fifth Avenue.

„Du Harry,“ sage ich also, „die Krise ist da.“ „Hallo Stefan,“ sagt Harry, „ich weiß, dass die Krise da ist, hast du vergessen, dass unser Dienstwagen demnächst für die Abwrackprämie außer Dienst gestellt wird?“ „Nein Harry, SIE ist wirklich da, SIE sitzt hier auf meiner Couch.“ „Ach so,“ sagt Harry, „na, das hört sich ja nach einem neuen Fall für uns an, ich komm rüber.“

Zehn Minuten später sitzen wir dann gemeinsam auf meiner Couch. Im Fernsehen Peter Zwegat, der mit sorgenvoll zerfurchter Stirn und steil in die Höhe ragenden Augenbrauen predigt, die Zeit sei zwar ernst, aber nicht hoffnungslos, und auf dem Sofa Harry und ich nebst einer ausgewachsenen Krise. „Was sollen wir denn jetzt mit der machen,“ nuschel ich mehr leise als laut in Harrys Richtung. „Hm,“ macht Harry und ich merke, sie denkt nach. „Sagen Sie mal,“ wendet sie sich direkt an die Krise, die sich lächelnd von Schuldenberater Peter Zwegat zu Harry dreht, „können Sie Canasta spielen?“ „Harry,“ ich stoße ihr mit dem Ellbogen in die Seite, „spinnst du? Was soll DAS denn?“ „Wieso,“ sagt Harry, „wenn sie schonmal da ist.“ „Also, so geht das nicht“, sage ich, „so kann man nicht mit einer Krise umgehen.“

„Wieso denn nicht,“ sagt Harry, „wie gehst du denn mit einer Krise um?“ „Naja – weiß nicht, wird ja gerade genug geschrieben über die Krise – ich hoffe halt, dass es bald besser wird – aber bei mir in der Arbeit zum Beispiel, da gibt’s schon richtige Programme, wie wir trotz Krise noch Umsatz machen können und so.“

„Na siehste,“ erklärt mir Harry, „die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ „Harry,“ sag ich „manchmal machst du mir richtig Angst.“ „Ähem,“ räuspert sich die Krise jetzt, die wir fast vergessen hatten, „ähem, äh ich kann übrigens Canasta spielen,“ sagt sie lächelnd zu uns. „Super,“ sagt Harry und grinst mich zwinkernd an, „aber die Karten werden von uns gemischt.“

Angela Jacobsen (Jahrgang 1965), im tiefsten Ruhrgebiet geboren, jedoch in der Sonne Oberbayerns aufgewachsen, hat schon früh mit einem ihrer bevorzugten Hobbys begonnen: Leute unterhalten. Ihre Ideen greift sie dabei aus dem realen Leben und geht tatsächlich mit ihrer besten Freundin als „Harry und Stefan“ gerne mal „auf Streife“. Um immer mehr Menschen daran teilhaben zu lassen, hat sie sich in letzter Zeit dem Schreiben von Kurztexten und Kolumnen verschrieben.

Auch beruflich verzichtet sie nicht auf eine gewisse Kreativität. Äinschi Jacobsen verantwortet bei der Oracle Deutschland GmbH das deutsche Mittelstandsmarketing (siehe Oracle im Mittelstandswiki).

1 Kommentar:

  1. Sehr geehrte Frau Jacobsen,

    ich gratuliere zu dieser wirklich gelungenen Kolumne.

    Nachdem ich von Ihnen gelernt habe, dass die Krise oder Peter Zwegat zuerst an der Wohnungstüre klingeln, habe ich meine Klingel abgestellt.

    So einfach – kein Klingeln, keine Krise, kein Peter Zwegat.

    Vielleicht können Sie sich in einer Ihrer nächsten Kolumnen mal mit dem modernen Leben eines Singles in einer Großstadt wie z.B. München beschäftigen.
    Sie wissen schon, der ewige Stenz, der immer des Gschiß mit der Elli hat.

    Ein Leser

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