Herbstliche Grüße aus dem sonnigen München

Äinschi Jacobsen, die dem Harry sein Stefan ist

Äinschi Jacobsen, die dem Harry sein Stefan ist

Von Angela alias Äinschi Jacobsen

Hab ich das jetzt wirklich geschrieben? Ja, ich schau extra nochmal in meinen Sent-Folder und entdecke meine neue Abschiedsgrußformel. Ich habe tatsächlich geschrieben: „Herbstliche Grüße aus dem sonnigen München!“ Was ist denn mit mir los? Ich renne doch sonst nicht jedem Trend hinterher. Aber scheinbar hat mich da die seit geraumer Zeit neue Abschiedsfloskelmanie voll am Kragen gepackt.

Schnell blättere ich in den letzten E-Mails und lese Sachen wie: „Sonnige Grüße aus dem Süden Hamburgs“ oder „Freundliche Grüße aus dem verregneten Köln“ oder „herzliche Grüße aus dem fränkischen Norden“. Hier entdecke ich eine Mail – geschrieben um 7.32 Uhr mit dem Abschiedsgruß „Viele Grüße aus dem warmen Home Office“ – mhhh, vermutlich will mich der Absender zum einen auf die ausgefallene Heizung in der Geschäftsstelle aufmerksam machen und zum anderen, dass er im Home Office bereits zum Morgengrauen seine Mails bearbeitet hat. Streber, denk ich mir und beginne über die Kultur der Abschiedsworte in E-Mails nachzudenken.

Gerade in E-Mails von Kollege zu Kollege gab es da ja in den 90er-Jahren Auswüchse, für die sich die Mehrheit der E-Mail-Nutzer sicherlich heute noch fremdschämt. Das in Bayern verwendete „Habe die Ehre“ oder das rheinische „Tschö mit ö“ sind da wohl eher noch charmante lokale Grüße, die durchaus auflockernd genommen werden können. Auswüchse wie „Tschüssikowski“, „mit grünlichen Füßen“ oder „bis Baldrian“ gehören da doch schon eher zu der Fraktion der besonders lustigen Gesellen. Das sind übrigens die gleichen Typen, die im Meeting mit Worten wie „Zum Bleistift“, „Watt mutt, datt mutt“ oder „Hallöchen, Popöchen!“ schon früh erkannten, dass man als witziger Kollege total teamfördernd wirkt und in der Kantine garantiert immer von mehreren Kollegen lautstark herangerufen wird, um gemeinsam eine witzige Mittagspause verbringen zu können. Aber ich beginne zu plaudern.

Fakt ist doch, dass sich in der heutigen schnelllebigen und virtuellen Welt jeder auf jedem x-beliebigen Ort der Welt online schalten kann um seine E-Mails zu checken. Natürlich weiß dies auch der Sender und trotz DSL und Wireless-Flatrate will man doch zeigen, dass man brav an einem Schreibtisch sitzt und nicht gerade auf Gran Canaria zwischen Golfschnupperkurs und Pilates eine Mail am Pool absetzt. Wobei, ich erinnere mich an E-Mails, die mich am Ende darauf hinwiesen, dass sie mit einem BlackBerry geschrieben wurden – was logischerweise sofort die Aussage: „Ätschbätsch, ich darf noch reisen, du nicht!“ in meinem Kopf hochploppen ließ.

Obwohl es natürlich schon seinen Charme hat, dem virtuellen Team durch eine E-Mail in einer nicht aufschiebbaren Terminsache mit einem kleinen Abschiedsgruß mitzuteilen, wie very busy man gerade in der Welt herumreist. Natürlich macht sich da ein „sonnige Grüße aus LA“ wesentlich besser als „herbstliche Grüße aus Paderborn“. Wobei man natürlich nicht immer auf das globale Wissen des Adressaten vertrauen darf, der sich vielleicht fragt, was Herr Meier denn in Landshut macht, wo er doch nach USA reisen wollte. Aber das sind Kleinigkeiten. Der wirkliche Trendsetter schreibt ohnehin nur noch: Regards, MfG, LG, Bye oder D&G. Wer’s nicht versteht oder damit nicht umzugehen weiß, ist in der multimedialen Zeit gefälligst selbst schuld.

In diesem Sinne, liebe Leser, grüße ich Sie sonnig und hochachtungsvoll, natürlich herzlichst – auch von Harry. Denn wir sind gerade auf Streife bei IKEA, muss mir unbedingt endlich einen Schreibtisch kaufen. Mein Laptop verträgt den vielen Sand nicht.

Angela Jacobsen (Jahrgang 1965), im tiefsten Ruhrgebiet geboren, jedoch in der Sonne Oberbayerns aufgewachsen, hat schon früh mit einem ihrer bevorzugten Hobbys begonnen: Leute unterhalten. Ihre Ideen greift sie dabei aus dem realen Leben und geht tatsächlich mit ihrer besten Freundin als „Harry und Stefan“ gerne mal „auf Streife“. Um immer mehr Menschen daran teilhaben zu lassen, hat sie sich in letzter Zeit dem Schreiben von Kurztexten und Kolumnen verschrieben.

Auch beruflich verzichtet sie nicht auf eine gewisse Kreativität. Äinschi Jacobsen verantwortet bei der Oracle Deutschland GmbH das deutsche Mittelstandsmarketing (siehe Oracle im Mittelstandswiki).

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