Free / Kostenlos (Pressemitteilung)

Was kostenlos von Kommunismus unterscheidet

Chris Anderson: Free - Kostenlos

Chris Anderson: Free - Kostenlos

Als ich ein Junge war, habe ich daran geglaubt: Lehrerinnen versuchten uns beizubringen, dass das Leben eines Tages völlig kostenlos sei. Wenn in absehbarer Zukunft der Kommunismus über den Kapitalismus gesiegt habe. Bis die ganze Welt so funktioniert, müsse man in friedlicher Koexistenz den Sozialismus praktizieren. Deshalb würden bei uns Brot, Milch und Marmelade nur einheitliche Preise kosten.

An diese Zeiten in der DDR fühlte ich mich erinnert, wenn Chris Anderson, Autor des Buches Free / Kostenlos – Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets ins Schwärmen gerät. Wäre er nicht Chefredakteur der angesagten Wired, die wie alle anderen Zeitschriften bares Geld erwirtschaften muss, hätte ich sein Buch spätestens nach zwei Dritteln aus der Hand gelegt. Denn er wiederholt sich mit zunehmend gleichen Argumenten.

Besonders schlimm wird es im hinteren Teil, in dem er Ansichten besorgter Künstler, Unternehmer und Kritiker zu widerlegen versucht, die den Auswirkungen von Free nichts Positives abgewinnen können. Ähnlich notorisch konterten geschulte Agitatoren auf unangenehme Fragen umdenkender Jugendlicher im Osten, die an die Utopien ihrer Kindheit nicht mehr glauben wollten.

Ohne diese Assoziationen kann ich solche Passagen eines Buches dem Autor verzeihen, wenn der Rest spannender ist. Der überwiegende Teil ist spannender als einem lieb sein kann. Denn es geht um eine der besorgniserregendsten Entwicklungen, seit es freie Wirtschaft gibt. Kostenlose Geschäftsmodelle im Internet sind real. Wer sie nicht wahrhaben will, verdient sein Geld unter selten glücklichen Umständen oder belügt sich selbst.

Anderson erklärt konkrete Beispiele absurder Erfolge so nachvollziehbar simpel, dass man sich fragt, wohin das Ganze führen soll. Gerade weil eben doch längst Milliarden Dollar fließen, die mit kostenlosen Dienstleistungen, Produkten und kombinierten Lösungen hart verdient werden, führt kein Weg an seinem Buch vorbei. Es bringt auf den Punkt, warum es sich lohnt, exponentielle Entwicklungen im Internet zu verstehen und im Idealfall auf die eigenen Geschäfte anzuwenden, weil sie eher früher als später die reale Welt erreichen. Gebeutelte Branchen wie Musik- und Medienunternehmen können ein Lied davon singen. Andere werden folgen.

Pensionierte Kommunisten, die jetzt zum Jubel neigen, können sich getrost wieder setzen: Im Unterschied zum real liquidierten Sozialismus wird sich die freie Marktwirtschaft im Kapitalismus ganz natürlich verändern. Weil Autoren wie Chris Anderson ihre Gedanken in solchen Büchern wie Free / Kostenlos – Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets ungestraft publizieren dürfen und es uns Lesern überlassen bleibt, ob wir seinen Thesen etwas abgewinnen können oder eben nicht (tj).

  • Free / Kostenlos – Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets
  • Chris Anderson
  • Campus Verlag, Frankfurt am Main
  • Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, erste Auflage 2009
  • ISBN: 978-3-593-39088-8, 39,90 Euro

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