Interview

Lieber ein Teil weniger, dafür in besserer Qualität

Jürgen Oertel, Milano-Krawatten

Jürgen Oertel, Milano-Krawatten

Jürgen Oertel (Jahrgang 1966) von Milano-Krawatten besitzt vier Krawattenfachgeschäfte in Deutschland. Der studierte Wirtschaftsingenieur lernte die Mode während eines Praxissemesters in Italien kennen, wo er die Stücke noch heute in einer Weberei fertigen lässt. Nach dem Studium, 1995, hat der gebürtige Schwabe dann gemeinsam mit seiner Frau das erste Geschäft in Deutschland gegründet. Oertel weiß, mit welchen Krawatten Mann einen guten Auftritt macht. Gerade der erste Eindruck sollte nie unterschätzt werden, denn „er lässt sich oft nur schwer redigieren.“

MittelstandsWiki: Es heißt, dass die Mode der Spiegel der Gesellschaft ist. Können Sie eine grundsätzliche Entwicklung feststellen?

Jürgen Oertel: Die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, bevorzugen einen bewährten und traditionellen Kleidungsstil. Es gibt zwar eine Avantgarde sehr gut gekleideter junger Männer, die sich im so genannten Dandylook kleiden. Das ist ein sehr aufwändiger und etwas auffälligerer Modestil, bei dem die einzelnen Teile perfekt aufeinander abgestimmt sind und bei dem statt einer Krawatte auch gerne eine Fliege getragen wird. Ansonsten gilt das Motto: Lieber etwas konservativer als zu auffällig. Generell wird aber verstärkt Wert auf gute Kleidung und ein gepflegtes Äußeres gelegt.

MittelstandsWiki: Glauben Sie, dass dieser Trend etwas mit der Wirtschaftskrise zu tun hat?

Jürgen Oertel: Das habe ich mich auch schon gefragt. Es gibt sicher einen Zusammenhang. Ich denke, dass viele Menschen gerade in der Krise mehr auf Werte und Wertigkeit achten. Die Leute kaufen sich lieber ein Teil weniger, legen aber mehr Wert auf Qualität. Das ist die Tendenz, die ich bemerke.

MittelstandsWiki: Wie kann ich aber Qualität erkennen? Nach dem Preis kann man ja nicht immer gehen.

Jürgen Oertel: Das stimmt. Hier herrscht eine große Konfusion. Man gibt viel Geld für ein Produkt aus und denkt, dass man etwas Gutes gekauft hat. Und hinterher ärgert man sich, weil dem nicht so ist. Eine Zeitlang hatte man das Gefühl, dass das Qualitätsbewusstsein hinten ansteht. Die Tendenz war, dass man ein Stück nur eine kurze Zeit lang anzieht und dann wegwirft. Da war der Markenname das Wichtigste. Heute sind die Leute stärker an Qualität interessiert. Nicht nur bei der Kleidung. Auch in anderen Bereichen macht sich das bemerkbar.

MittelstandsWiki: Aber warum wurde schlechte Qualität zu hohen Preisen geliefert? Die Firmen haben doch einen Ruf zu verlieren!

Jürgen Oertel: Das liegt wohl an beiden Seiten. Wenn die Kunden unkritisch sind und auch schlechte Waren kaufen, wie man das bei den Lebensmitteln sehen konnte und teilweise noch immer sehen kann, wird es immer jemanden geben, der sich sagt: „Ich es mache es billiger und schlechter und streiche mehr Gewinn ein.“ Jetzt habe ich das Gefühl, dass sich viel mehr Menschen vorher informieren und ein höheres Qualitätsbewusstsein an den Tag legen. Ich vermute, dass es auch daran liegt, dass die Menschen Orientierung suchen. Und in diesem Zusammenhang auch verstärkt auf ein gepflegtes Äußeres achten. Das Aussehen ist ja auch so etwas wie eine Visitenkarte. Unterschätzen Sie nie den ersten Eindruck! Er lässt sich oft nur schwer redigieren.

MittelstandsWiki: Und was genau kann man denn als Krawattenträger falsch machen?

Jürgen Oertel: Das Hemd, der Anzug, der Knoten und die Krawatte müssen zusammenpassen. Ich finde es schön, wenn ein Mann mindestens drei Knoten beherrscht, weil nicht jeder Knoten zu jeder Krawatte passt. Bei dickeren Krawatten und kräftigen Stoffen sollten Sie einen einfachen Knoten wählen. Ebenso wie, bei schmalen Krawatten, bei denen extrem aufwändige Knoten wie der doppelte Windsor fehl am Platz sind. Und vermeiden Sie bloß Krawatten mit Comicmotiven! Es sei denn, Sie wollten sich für Fasching verkleiden.

MittelstandsWiki: Haben Sie am Ende noch ein paar Modetipps für unsere männlichen Leser?

Jürgen Oertel: Vom Dekor sind hauptsächlich unregelmäßigere kleinere Musterungen, so genannte Mikromuster, angesagt, aber auch Paisleys. Das ist ein Muster, das an ein spitz zulaufendes, gebogenes Blatt erinnert. Bei den Farben haben sich die Klassiker wie Bordeaux, Dunkelgrün, Blau und Rot durchgesetzt. Lilia und Flieder kann man zwar auch noch tragen, aber der Hype ist vorbei. Von den Formen her setzt sich der Trend zu schmalen Krawatten fort. Nur nicht im Businessbereich. Hier ist noch immer die klassische Breite von 8 bis 8,5 cm gefragt.

Das Interview führte Sabine Philipp.

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